Watzmann Gipfel, Hocheck oder doch die Mittelspitze

Am nächsten Morgen wurde mir klar, dass es die erste Tour alleine ohne Begleitung am Berg sein würde. Aber ich fühlte mich gut, sicher und ruhig. Vom Unwetter zuvor war keine Spur mehr zu sehen und das Wetter blieb stabil.


Ich würde mich also heute langsam herantasten. Die Schilder betrachtend empfand ich die Südspitze als zu weit entfernt und entschloss mich, klein mit dem Hocheck zu beginnen. So habe ich mehr als ausreichend Zeit.

Ganz alleine war ich ja dann doch nicht. Es gab viele BersteigerInnen, die an diesem Tag nach mir schauten und mich ein Stück des Weges begleiten würden. Niemand war sich wirklich fremd, auch wenn wir uns nicht kannten. Jeder schaute stets ein wenig nach dem anderen, wir tauschten uns über Beschaffenheit des Weges aus und die aktuellen Wetterverhältnisse.

Aufstieg Watzmann zur Mittelspitze über Hocheck

Einige Energische sprinteten bereits kurz vor Sonnenaufgang hoch und waren gerade im Abstieg, als ich ganz entspannt meinen Weg nach dem Frühstück gegen sieben Uhr startete.
Es überholten mich einige, weil ich oft Pausen machte, um meinen Körper bei der Höhe zu akklimatisieren. Ich blieb mir und meinem eigenen Tempo treu.
Später traf ich auch auf zwei jüngere Geschwister, die zwar vorpreschten, denen dann aber doch die Puste zu schnell ausging. Sie begannen wieder abzusteigen, da sie nicht einschätzen konnten, ob sie weitergehen sollten. In meinen Augen war das eine sehr reife Einschätzung und Entscheidung, denn bis auf die Kamera hatten sie nichts dabei. Mit einem “Bis vielleicht später” ging ich in meinem Tempo weiter, drehte mich noch kurz um und sah, wie eine der Mädels mir noch kurz nachschaute und überlegte, ob sie weiter gingen oder nicht.
Sie schienen sich für den Rückweg entschieden zu haben, denn ich sah sie an diesem Tag nicht mehr.


Immer die Gesamtsituation im Auge behalten

Morgentlicher Blick zum Aufstieg Richtung Hockeck, Mittelspitze und Südspitze

Diejenigen, die mir wieder entgegen kamen, fragte ich nach Distanz und Wetter, um meine Situation besser einschätzen zu können. Alle Anzeichen wiesen auf einen wundervollen Tag ohne wettertechnische Gefahren hin, auch wenn immer wieder auftretender Nebel mich verunsicherte.
Ich war nicht allein, dass beruhigte mich doch.

Das “Chamäleon” der Alpen

So folgte ich dem markierten Weg und genoss die atemberaubende Aussicht.
Selbst ein in Deutschland selten gesehenes Alpenschneehuhn querte meinen Weg. Weitere Wanderer blieben stehen, um in diesem Moment zu verharren.
Später erfuhr ich, dass das Federkleid der Alpenschneehühner im Winter weiß ist, erd- und gesteinsfarben im restlichen Jahr – ganz der alpinen Umgebung angepasst. Wie intelligent unsere Natur doch ist.


Das Gipfelkreuz des ersten Gipfels “Hocheck” war schon zu sehen, aber auch die Bergsteiger, die bereits ihr Gipfelfoto schossen. Wir nutzen natürlich die Gelegenheit, um gegenseitig unser Erfolgsfoto zu machen.
Sehr spannend und witzig fand ich dabei, dass mich Alpendohlen (Familie der Raben) begleiteten. Ob sie nur an meiner Brotzeit interessiert waren? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall habe ich mich doch sehr darüber gefreut, dass sie mit mir flogen und ich sie am nächsten Gipfel wieder sah, um erneut auf meinem Gipfelfoto zu sein.

Alpendohlen begleiteten mich auf den Gipfeln


Auf dem Hocheck

Das Hocheck ist als der am einfachsten besteigbare Gipfel am Watzmann beschrieben und liegt bei 2651 Hm. Vom Watzmannhaus gesehen macht das einen Höhenunterschied von etwa 700 Hm. Mit den ausgeschriebenen vier Stunden ist er gut zu erreichen.
Wenn man um den Felssprung, auf dem sich das Gipfelkreuz befindet, herum geht, befindet sich dort eine Bank mit Blick auf den Königssee. Wie soll es aber anders sein? Ich sah davon natürlich nichts, weil der Nebel jegliche Fernsicht versperrte.
Ziemlich gut ist auf jeden Fall, dass sich auf dem Hocheck eine Schutzhütte befindet, die Leben retten kann, wenn das Wetter in den Bergen umschlägt.

Hier ist auch der Punkt, an dem es zur Mittelspitze weitergeht.


Mein eigentliches Ziel war das Hocheck

Schutzhütte Hocheck

Während ich meine Pause machte, schaute ich mir den Übertritt an, der auf den ersten Blick nicht gerade sehr einladend aussah, und ein Klettersteigset erforderte.
Die Gruppe junger Männer, die ich vorhin beim Beobachten des Alpenschneehuhns traf, berieten sich, entschieden sich dann aber nicht weiter zu gehen, da sie keinerlei Ausrüstung dabei hatten. Das verunsicherte mich leicht und ich stand kurz vor der Entscheidung wieder umzudrehen, obwohl ich reichlich Zeit hatte, die notwendige Ausrüstung dabei hatte und die Mittelspitze mit nur einer Stunde vom Hocheck entfernt ausgeschrieben war.

Start mit Klettersteig, Richtung Mittelspitze

Dann doch weiter zugehen wurde durch zwei Frauen bestärkt, die sich kurz die Situation ansahen, einschätzten, sich daraufhin entschieden, ihren kleinen Jungen zu sichern und ohne großes Zögern einfach weiterliefen. Ein Großgewachsener ging ebenfalls nach kurzer Einschätzung weiter. Also gut, es ist machbar, und sieht im ersten Moment schlimmer aus, als es ist. Ich legte mein Klettersteigset an, setzte meinen Helm auf und zog eine leichte winddichte Jacke über.
Es war tatsächlich nicht schlimm und ich fühlte, dass sich das kontinuierliche Training mit Andy, meinem Kletterpartner und die Erfahrung am Berg gelohnt hatten.
Während ich teilweise über den Grat lief und hier und dort, auch wenn ganz bedacht, auf und ab kletterte, fühlte ich mich sicher, dachte an Andy und war dankbar für die spürbare Entwicklung, die ich, dank ihm bis hierhin gemacht hatte. Es ging langsam, aber stetig voran.

Teilweise begleitete mich jemand mit einer roten Jacke, der auch vom Hocheck aus startete, aber ich ihn nicht wirklich wahr genommen hatte, da ich mich geistig auf das Weitergehen vorbereitete. Er wartete ab und an auf mich und zeigte mir im Vorlaufen mit seiner roten Jacke den Weg. Witzig ist, dass wir uns auf Englisch unterhielten, weil wir voneinander dachten, dass wir kein Deutsch könnten.


Am Watzmann ist man nie allein

Am Gipfel der Mittelspitze trafen wir zwar nicht die Frauen mit dem Jungen wieder, doch aber den groß gewachsen Mann. Als sie sich beider Männer auf Deutsch unterhielten, sagte ich lachend: “Ey, Du sprichst ja Deutsch! Warum sprechen wir Englisch?”. Seine Antwort war: “Na, weil Du Dich vorhin mit der Dame auf Englisch unterhalten hast.” Das war schon eine lustige Situation, aber, als er dann anfing hoch bayrisch mit mir zu sprechen, sehnte ich mich so gleich nach wieder nach der englischen Sprache.


Die Angst vor dem was nicht zu sehen ist

Die Mittelspitze liegt bei 2713 Hm und ist nach dem Aufstieg zum Hocheck ein kleines Dessert, der genüssliche Nachtisch, nach der Anstrengung. Ich war zufrieden und freute mich doch weiter gegangen zu sein. Schließlich waren es gerade mal etwa 70 Hm, die in einer Stunde zu überwinden waren. Schon fast lächerlich, wenn ich auf den Rest den Weges zurückblickte. An diesem Punkt wurde mir einmal mehr wieder klar, welch schöne Erfahrung mir entgangen wäre, wenn ich mich von meiner Angst hätte beeinflussen lassen, obwohl alle Signale darauf hinwiesen, dass es machbar ist und mir lediglich die Angst vor dem Unbekannten im Wege stand.


Drei Menschen, drei Ziele, eine Alpendohle und ein Gipfelbild

Gipfelfoto Mittelspitze, Watzmann mit Alpendohle

Nachdem wir drei unsere Gipfelbilder machten – ich natürlich wieder mit Alpendohle – machte ich mich auf den Rückweg. Das Ziel des hageren Großen war die Südspitze, das Ziel des Bayern mit der roten Jacke war der Rückweg zur Wimbachbrücke. Ich staunte nicht schlecht, denn dieser Weg bedeutete von der Wimbachbrücke aus bis zur Mittelspitze gut 1400 Hm hoch und 1400 Hm ab. Bei dem bloßen Gedanken daran schmerzten meine Knie. Alle Achtung, dachte ich mir nur.
Ab und an drehte er sich richtungsweisend noch nach mir um und verschwand dann in seinem Tempo, als ich ihm signalisierte, dass für mich alles passte. Ich genoss es für mich alleine herumzuklettern, erfreute mich, dass es körperlich sowie mental gut und sicher ging, und ließ mich gerne vom Drahtseil führen.

Ich empfand einen Zustand von Zufriedenheit.

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