3 Tage 80 km Rheinsteig: Rüdesheim – Lorch – Kaub – St. Goarshausen – Kestert

1. Tag: Rüdesheim – Lorch

Da ich keinerlei Vorerfahrungen mit Mehrtageswanderungen hatte, plante ich den Soonwaldsteig innerhalb von fünf Tagen, plus einen Tag Puffer, zu laufen. Über mich selbst erstaunt schloss ich ihn jedoch schon in drei Tagen ab, sodass ich noch ganze 3 Tage übrig hatte. Den Bericht dazu könnt ihr hier lesen: Der Soonwald-Steig Tag 1/3

Den Rheinsteig ins Blaue hinein laufen

Nach Hause fahren kam nicht infrage, denn mein Camper war in der Werkstatt und noch lange nicht startklar. So wurde mir der Rhein-Steig empfohlen, der ein Stück parallel zum Soonwaldsteig verläuft. Okay. Gesagt, getan, völlig planlos über das was mich erwarten würde. Vorab informieren war nicht drin und große Lust hatte ich auch nicht. Ich wusste also weder irgendetwas von Übernachtungsmöglichkeiten, noch von Trinkmöglichkeiten. Ich hatte nicht einmal eine Karte und entschied mich einfach „ins Blaue” hineinzulaufen. Dass ich fast von egal wo aus in einen Zug steigen konnte, gab mir genug Sicherheit.

Nachdem ich also den Soonwaldsteig verlassen hatte und von Bingen nach Rüdesheim lief, gönnte ich mir erst einmal ein deftiges Eis, natürlich Bio und selbstgemacht. Das ließ sich der Laden gut zahlen. Ich beobachtete die Menschen, während ich mein Luxus-Eis genoss und erkannte wieder einmal, dass ich so viel anders bin als sie. Ich gehörte nicht in die normale Welt. Mit einem kleinen Seufzer, sattelte ich auf und zog noch mit Eistüte in der Hand weiter. 

Eine etwas andere Waschgelegenheit

Den Rhein entlang schlängelte ich mich durch die Menschenmassen. Es war ungewohnt voll. Gefühlt wurde jedes freie Plätzchen genutzt, um in Gespräche vertieft, einen Sekt mit Blick auf den Rhein zu trinken. Oder es wurde sich in eines, der sich aneinander reihenden, Restaurants niedergelassen. Genau zur Mittagszeit gelangte ich zu einem Park namens „Park am Mäuseturm”. Perfekt. Meine Augen erspähten öffentliche Toiletten und mir kam da so eine Idee …
Schnell prüfte ich die Sauberkeit des Behinderten-WCs mit Wickeltisch und schloss mich rasch darin ein. Während ich meine Wäsche und mich wusch, nach drei Tagen Feuchttücher, ein wahrer Genuss, hatte ich immer wieder Angst, dass sich die Tür irgendwann automatisch öffnen würde. Ich wusste ja nicht wie diese modernen Dinger funktionierten. Zwischendrin, wollte auch jemand anderes in das WC-Häuschen und ich entschuldigte mich gedanklich dafür, dass ich es so lange in Anspruch nahm. Ich beeilte mich so gut ich konnte, schließlich wusste ich ja auch nicht, ob sich diese Tür irgendwann selbstständig öffnen würde.

Energie tanken im „Park am Mäuseturm”

Vor dem Häuschen waren Bänke, auf denen ich meine Wäsche zum trocknen auslegte. An dem Tag war es sehr heiß und die einzigen schattigen Plätze unter den Bäumen waren bereits von Familien belegt. Ich breitete mich auf den Bänken aus, entledigte mich meiner Schuhe und holte mein Mittagessen heraus. Mit Blick auf den Rhein, ließ ich die Zeit verstreichen. Zur Abwechslung hatte ich die absolute Ruhe inne, momentan hatte ich auch kein wirkliches Ziel. Ich wusste zwar, dass es zum Rhein-Steig geht, aber über die Länge oder Beschaffenheit wusste ich nicht wirklich viel. Er würde dem Soonwaldsteig ähneln, dachte ich mir. 

Nachdem alles getrocknet und ich gestärkt war, packte ich zusammen und machte mich wieder auf den Weg zur Fähre, die mich von Bingen nach Rüdesheim bringen sollte. Mit der Fähre verließ ich Rheinland-Pfalz und betrat nun wieder hessischen Boden. Bevor ich meine Reise fortsetze war ich wieder auf die Beschaffung von Wasser fokussiert und entdeckte in Rüdesheim einen Schicki-Micki-Kiosk, der seinen Umsatz mit Sekt machte. Nun ja, ich hatte nicht viele Möglichkeiten, so kaufte ich immerhin die letzte Bionade und ließ mir meine zwei 1,5 Liter Wasserflaschen wieder auffüllen. Ich erkundigte mich so gut ich konnte nach dem Weg bei der Verkäuferin und bekam zumindest eine grobe Richtung vorgegeben: „Irgendwo da müsste es losgehen”, es würde aber auch eine Seilbahn nach oben geben. Ich begnügte mich mit dem „Irgendwo da” und folgte dieser Richtung. Es war gar nicht so schwer, den Einstieg zu finden. Aber eine Seilbahn zu nehmen kam für mich nicht einmal ansatzweise infrage. Ich hatte keine Lust auf Touris und gemogelt wäre es auch. 

In Rüdesheim die Weinberge erklimmen

Mein Rucksack war wieder extrem schwer und ich quälte mich bergauf in der Sonne. Auf dieser Seite des Rheins waren deutlich heißere Temperaturen und nirgends ein Fleckchen Schatten in Sicht. Ich liebe die Sonne und die Wärme, aber in diesem Moment entwickelte ich eine Hass-Liebe. Ich fühlte mich wie eine nach Wasser lechzende Schnecke während ich in Richtung Niederwalddenkmal aufstieg. Anscheinend fiel es auch den anderen auf, die mich mitleidend ansahen. Tapfer schlängelte ich mich in den Weinbergen entlang und kam dem Denkmal schon ziemlich nahe. Während des Aufstiegs präsentierte sich vor mir ein Cafe, das mit schattigen Plätzen, Eis und kalten Getränken lockte. Wie gemein. Ich ließ es links liegen und erklomm die letzten Stufen.

Endlich oben angekommen erwartete mich ein Touri-Gewusel. Überall wurde fotografiert oder die Aussicht genossen, selbst eine Drohne flog über das Denkmal, um Aufnahmen zu machen. Ich wollte nur weg, mir war das zu viel Gewusel. So hielt ich nur kurz inne, um diesen Moment wahrzunehmen, ein Bild zu machen und dann weiter in Richtung Wald, also Schatten, zu flüchten.

Das Niederwalddenkmal

Niederwalddenkmal

Seit 2002 ist das Niederwalddenkmal Teil des UNESCO-Welterbes Oberes Mittelrheintal und sollte an die Einigung Deutschlands 1871 erinnern. Planung und Bau dauerten insgesamt zwölf Jahre von der ersten Anregung 1871 bis zur Einweihung am 28. September 1883. Die Bauzeit betrug sechs Jahre. Mehr zum geschichtlichen Hintergrund bietet der Wikipedia-Eintrag Niederwalddenkmal – Wikipedia. Mehr Informationen, zum Beispiel Öffnungszeiten und weitere Sehenswürdigkeiten lässt sich über die offizielle Seite des Denkmals herausfinden Rund um das Niederwalddenkmal – Niederwalddenkmal.de :: Alles Rund um das Niederwalddenkmal

Dampfende Socken, Blasen und Erschöpfung

Ich genoss die frische Waldluft und ließ die Touriwelt schon bald hinter mir auf den Weg in Richtung Lorch. Die Waldabschnitte waren recht kurz und wechselten sich oft mit den offenen Weinbergen ab. Die kochende Sonne entzog mir jegliche Energie und langsam machten sich die Blasen bemerkbar. Der Genuss des Trekking-Gefühls floss dahin. Genervt und davon überzeugt, dass ich keinen Schritt mehr laufen würde, suchte ich eine Weile nach einem schattigen Plätzchen , um mich meiner Schuhe und Socken zu entledigen. Diese dampften, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich legte sie in die Sonne zum trocknen, erfrischte mich und die Füße sparsam mit Wasser und döste vor mich hin.
An diesem Punkt wollte ich nicht weiterlaufen. Es war nun der vierte Tag zu Fuß, bergauf, bergab. Es war Zeit für einen Auszeit-Tag, um wieder Energie zu tanken. In Gedanken versunken realisierte ich irgendwann wie sich mein Schattenplatz verkleinerte. Ich rutschte noch ein wenig hinterher, bis letztlich meine Bank, auf der ich verweilte, wieder in der prallen Sonne stand und der Schatten schnell wegzuhuschen schien.

Einen geeigneten Schlafplatz ohne Trekkingplatz finden

Also gut. Es war Zeit für den Aufbruch und für die Suche nach einem Schlafplatz. Letzteres sollte schwierig werden, denn mittlerweile kamen keine Waldabschnitte mehr, sondern ich lief nur noch zwischen Weinbergen, rechts und links von mir gab es nur Hänge mit Weinreben und vor mir der Weg, den ich lief. 

Unruhe und Erschöpfung machte sich breit. Ich glaubte, dass ich mittlerweile irgendwo bei Assmanshausen war als ich ganz weit oben am Ende eines Weinberges vereinzelte Bäume erspähte und dahinter eine Lichtung vermutete. Von der Unruhe getrieben, sammelte ich die letzten Kräfte und rannte, auch wenn es vermutlich nicht danach aussah, mehr oder weniger durch die Rebstöcke hindurch, bis es nicht mehr weiter nach oben ging. Tatsächlich. Ein Stück Wiese erwartete mich, mit angrenzenden Bäumen, und einen Zaun. Es verlief anscheinend tatsächlich ein Weg hinter den Bäumen entlang, aber der Zaun und das kleine Waldstück versteckten mich recht gut, sodass ich runterfahren und mich häuslich einrichten konnte. 

Das war „just in time”, ich hatte noch etwas Zeit, bevor die Sonne unterging. Ich rutschte noch bischen hin und her mit meinem Zelt, bis sich die Stelle richtig anfühlte und befestigte es schließlich. Vor das Zelt legte ich meinen Regenponcho, um es mir gemütlich zu machen und wieder aus diesen Schuhen herauszukommen. Alles brannte, die Füße, die Beine, der Kopf. Ich hatte mir einen kleinen Sonnenstich eingefangen und war richtig erschöpft. Auf den Oberschenkeln zeigte sich ein dicker, fetter Sonnenbrand. Ich verzichtete heute auf das Abbürsten und kühlte so gut ich konnte. 

Vorsicht: Brandgefahr

Ich sah mich um und erkannte, dass alles so trocken um mich herum war, dass ich mir etwas überlegen musste, um den Gaskocher so aufzubauen, dass mögliche Funken oder ein Umfallen gar nicht erst passieren konnten. Mir war bewusst, dass fahrlässiges und unbedachtes Handeln einen sehr großen Brandschaden anrichten würde. So quälte ich mich mit meinen nackten Füßen und nur in Unterhose in meine Wanderschuhe und sammelte umher liegende Steine ein, die sich für eine Feuerstelle eigneten. Auf den geebneten Steinboden platzierte ich den Gaskocher. Beim Kochen meines Couscouses und meines Teewassers war ich noch vorsichtiger als sonst und ließ das Feuer keine Sekunde aus den Augen. So schnell wie möglich stellte ich die Flamme wieder aus. Ich genoss mein Abendessen mit einem wunderschönen Blick hinab auf die Weinberge, über den Rhein und vermutlich den Soonwald und, oder Bingen auf der anderen Seite.

Die erste Nacht mit Zelt alleine – Wildcampen

Mir wurde bewusst, dass dies nun die allererste Nacht sein würde, die ich tatsächlich so ganz alleine verbringen würde. Während auf dem Soonwaldsteig immer andere Wanderinnen und Wanderer sich zum Nächtigen dazu gesellten, war ich diesmal wirklich allein. Ich spürte einen Kloß in meinem Hals. Das sollte eine neue Lebenserfahrung werden. Es war gut, dass mich eine Freundin per Handy begleitete. Ich verabschiedete mich und schaltete das Handy aus, um Akku zu sparen und diese Erfahrung in vollen Zügen wahrzunehmen.

Blick vom Nachtlager über die Weinberge, dem Rhein, Bingen und Soonwald.

Trotz Erschöpfung schlief ich sehr unruhig. Ich hatte Angst. Immer wieder kruschelte irgendetwas außerhalb der Zeltwand herum, was ich natürlich nicht sehen und somit nicht definieren konnte. Einige Male schlug ich gegen die Zeltwand um zu vertreiben was auch immer da draußen war. Ich umfasste stärker den Stein, den ich für den Notfall mit ins Zelt nahm und versuchte runterzukommen. Gegen vier Uhr morgens war dann Schluss mit der „Nachtruhe”. Ich hielt es nicht mehr aus und stürmte aus dem Zelt. Es hatte einfach keinen Wert. Ich stand mit Sonnenaufgang und den Tieren gemeinsam auf und startete mit einer Tasse Kaffee in den neuen Tag. Ich packte so schnell ich konnte meine Sachen zusammen und verschwand von diesem Fleck.

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(1) Kommentar

  1. Nur noch eine Kurve – Ladventure – Go for your spirit!

    […] Die Rheinschleife, die größte Schleife zwischen den Alpen und der Nordsee, umfasst auch den Bopparder Hamm. Am Bopparder Hamm wird am Steilhang, der eine Neigung bis über 80% hat, der Weinanbau überwiegend in Handarbeit betrieben. Es wird vermutet, dass schon die Römer hier im 4. Jahrhundert den Wein anbauten. Der Rhein ist sehr bekannt für seine vielen Weinregionen. Ein letzter Blick schweift auf die andere Rheinseite, wo sich zugleich der Rheinsteig (ebenfalls alpiner Charakter) befindet. Unsere Wanderwoman Franzisca hat übrigens letztes Jahr den Rheinsteig biwakierend abgeschlossen (Hierzu mehr).  […]

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